„Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was machbar und erfolgversprechend ist“
DI Franz Angerer ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur. Im Gespräch mit der KEM Traun-Kremstal spricht er darüber, wie der schrittweise Ausstieg aus fossilen Energien gelingt, welche Klimaschutzmaßnahmen sich für Gemeinden und Privathaushalte besonders rasch rechnen – und wie er selbst angesichts der kontroversen Klimadebatte seine „innere Energie“ bewahrt.
Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran führte zu einem Anstieg der Spritpreise. Sind sie für Preisregulierungen, wie sie die Regierung versucht hat?
Die Spritpreisbremse war aus meiner Sicht notwendig, weil sich die öffentliche Hand nicht dem Vorwurf aussetzen darf, durch höhere Steuereinnahmen Krisengewinner zu sein. Darüber hinaus sollten wir es dem Markt überlassen. Ich sehe kaum eine andere Möglichkeit. Wir haben das bei der Gaskrise auch gehabt. Mit Preisdeckeln in den Markt einzugreifen, geht auf lange Sicht schief. Wenn ein Produkt nicht in ausreichendem Maß verfügbar ist, dann ist das Signal: weniger verbrauchen.
Glauben Sie, dass wieder mehr Öl auf den Markt kommt und der Preis wieder sinkt?
Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass wir den Iran-Konflikt noch lange spüren werden, auch wenn die Straße von Hormuz wieder frei sein sollte. Weil viel Infrastruktur kaputtgegangen ist und sie nicht von heute auf morgen repariert werden kann.
Der Gaspreis beeinflusst schnell auch den Strompreis. Müssen wir uns in Zukunft auf höhere Energiepreise einstellen? Was kann man Gemeinden oder Haushalten empfehlen?
Wenn im Iran die Bomben fliegen, dann gehen die fossilen Preise rauf. Leider Gottes ziehen auch immer Brennholz, Pellets etc. mit. Und irgendwann auch der Strom. Langfristig müssen wir von diesen Abhängigkeiten weg. Unser Zukunftsbild bei der Energieagentur ist, dass wir weitgehend mit erneuerbarem Strom auskommen. Wir sind im Umbruch und haben aktuell hohe Systemkosten, z.B. für den Aufbau von Netz- und Speicherkapazitäten. Langfristig gilt jedoch: Je weniger abhängig wir sind, desto weniger Preisschocks haben wir.
Erfolgt der Ausbau der Erneuerbaren im nötigen Ausmaß? Schnell genug, um die Fossilen zu ersetzen?
Es könnte natürlich immer schneller gehen. Aber über einen weltweiten Zubau von 600 Gigawatt Photovoltaik hätten wir vor 10 Jahren noch geträumt. Und die Installationsraten bei Photovoltaik und Windkraft steigen immer noch. Man darf dabei nicht vergessen, dass es mit der Öl- und Gasindustrie auch Verlierer gibt. Diese Branchen sind unheimlich mächtig, haben unheimlich viel Geld verdient in den letzten Jahrzehnten. Die wehren sich jetzt gegen ihren Niedergang.
In Österreich sind ca. 60 % der Endenergie fossil und 40 % erneuerbar. Wie können wir die 60 % sukzessive reduzieren?
Das Wichtigste ist jetzt der Netzausbau. Wir haben in den letzten Jahren etwa 1,5 Gigawatt Photovoltaik dazugebaut. Das bringen wir im Netz momentan irgendwie unter. Das neue ElWG bietet Möglichkeiten, den Verbrauch flexibler zu gestalten und die Lastspitzen zu kappen. Wir wissen, dass etwa drei Viertel der neuen PV-Anlagen mit Speicher gebaut werden. Die Speicher sollten in Zukunft nicht mehr mit 10 kW Spitzenleistung einspeisen, wenn sie richtig genutzt werden, sondern nur mehr mit 3–4 kW. Damit bringen wir noch sehr viel Photovoltaik ins Netz. Wichtig ist, den Netzausbau voranzutreiben. Und auch größere Speicher zuzulassen und zuzubauen.
Die Förderungen für neue Energietechnologien sind aus Budgetgründen massiv zurückgefahren worden. Wie beurteilen Sie das?
Ich glaube auch, dass in der Vergangenheit manches zu hoch gefördert wurde. Jetzt fährt man in vielen Bereichen wieder runter. Was nicht gut ist, sind Stop-and-Go-Aktionen bei Förderschienen. Das Problem haben wir schon seit 15, 20 Jahren. Es gibt immer wieder Fördermittel. Die sind dann wieder aus. Dann kommen neue. Das tut der Marktentwicklung nicht gut. Davon sollte man wegkommen.
Mir wäre es lieber, wenn die Förderungen verlässlich über viele Jahre ausgeschrieben werden. Ich hätte kein Problem mit degressiven Fördertarifen über 5 Jahren – wenn man dann weiß, dass man im sechsten Jahr nichts mehr kriegt. Leider ist das schwer machbar, weil Budgets nur für ein oder zwei Jahre beschlossen werden.
Welche drei Dinge würden Sie Gemeinden empfehlen, um – trotz knapper Budgets – weniger abhängig von Öl und Gas zu werden?
Der erste Tipp: Energiedaten sammeln. Genau schauen, wie viel Energie verbrauche ich wo. Es gibt viele Gemeinden, die wissen nach wie vor nicht, wie viel Energie ihre Gebäude verbrauchen. Viele Gemeinden können nicht einschätzen, ob ihre Gebäude in einem halbwegs guten sind oder in einem sehr schlechten Zustand sind. Grundvoraussetzung ist eine gute Energiebuchhaltung, so trocken und fad das klingt. Nur wenn ich diese Daten habe, kann ich die richtigen Schritte setzen.
Der zweite Tipp: Wenn eine Gemeinde die Möglichkeit hat, ein Windrad zu bauen, dann sollte sie sich darum bemühen. Das trifft zwar nur auf wenige Gemeinden in Oberösterreich zu, aber dort bringt es zumindest ein bisschen Geld in die Kasse.
Der dritte Tipp: den Gemeindefuhrpark elektrifizieren. Das ist kostenneutral, wahrscheinlich sogar günstiger. Die meisten Gemeinden haben PV-Anlagen. Damit kann man die Fahrzeuge günstig oder nahezu kostenlos laden. Das kann man sofort empfehlen. Schwieriger ist es noch mit Baufahrzeugen. Hier gibt es noch wenige alternative Angebote. Aber wo ein Wille ist, da geht immer etwas.
Was ist die Klimaschutzmaßnahme, die sich aus Ihrer Sicht am schnellsten rechnet?
Es sind wahrscheinlich immer noch die alten Themen. Zum Beispiel die oberste Geschossdecke dämmen. Ich wette, dass es immer noch sehr viele ungedämmte Dachböden gibt. Diese Dämmung ist schnell erledigt und rechnet sich immer. Ein weiteres Thema: Beleuchtung – mittlerweile haben ohnehin fast alle LED-Leuchtmittel. Auch die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED rechnet sich in wenigen Jahren. Heizungspumpen und Heizungen anzuschauen, ist immer sinnvoll. Während alte Pumpen durchlaufen, sind neue Pumpen nur mehr die halbe Zeit eingeschaltet.
Viele sagen: „Es bringt ja eh nichts, wenn wir in Europa was einsparen, wenn überall anders weiter CO₂ rausgeblasen wird.“ Was sagen Sie zu diesem Argument?
Nichts zu tun ist keine Lösung. Wir haben eine Verantwortung gegenüber jenen Ländern, die es sich nicht leisten können. Und wir haben eine Verantwortung für unsere Nachkommen. Ich glaube, das Wichtigste ist, sich selbst Ziele zu setzen. Daran zu glauben, dass man etwas bewirken kann. Dann kann man zumindest mit gutem Gewissen sagen: Ich habe es probiert. Ich würde meinen Enkeln gerne einmal sagen: Ich habe es wenigstens probiert.
Heute kann man diese Frage aber auch aus rein volkswirtschaftlicher Sicht beantworten: Wir zahlen jedes Jahr zwischen 10 und 15 Milliarden Euro für fossile Importe – je nachdem, welches Jahr man betrachtet. Wir finanzieren damit Länder wie Saudi-Arabien, Russland oder die USA. 10 Milliarden sind für die österreichische Volkswirtschaft richtig viel Geld. Wenn es uns gelingt, diese Importe zu reduzieren, dann haben wir sehr viel eingespart. Die eingesparten Milliarden können in Österreich viel bewirken. Ich habe letztens bei einem Vortrag Bilder aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gezeigt – Bilder aus Hochglanzbroschüren. Ich habe das Publikum gefragt: Wo ist das? Und dann habe ich gefragt: Wer finanziert das eigentlich? Wir tun das – mit jeder Tankfüllung.
Oft reden wir über die Energiewende nur aus einer technischen Sicht. Aber es ist längst auch ein Kulturkampf daraus geworden. Gas vs. Windkraft. Verbrenner vs. E-Auto. Wie kommen wir aus der Nummer raus? Scheitert Klimaschutz am Ende, weil das Thema gesellschaftlich zu sehr polarisiert?
Ich weiß nicht, wie wir aus diesem Dilemma rauskommen. Ich glaube, es muss gelingen, möglichst sachlich zu bleiben. Möglichst wenig Emotionen reinbringen, auch wenn das oft schwer ist. Man muss mit seinen Energien und Kräften haushalten und darf sich nicht nur mit Leuten rumschlagen, die aus Prinzip gegen alles sind. Man sollte sich mit Leuten zusammentun, die ähnliche Ziele vertreten und sich gegenseitig stärken. Und man muss ein Gefühl dafür entwickeln, Dinge zu bearbeiten, die erfolgversprechend sind. Ein Gefühl dafür bekommen, was machbar und erfolgversprechend ist – das ist unheimlich wichtig.
Die Energieagentur ist ein gemeinnütziger Verein und unabhängiges Beratungsunternehmen im Energiebereich. Mitglieder und Hauptauftraggeber sind Bund, Bundesländer und Energieversorger.